Die emotionale Entwicklung beginnt unmittelbar nach der Geburt – oder schon davor?
Bereits bevor ein Kind geboren wird, beginnt seine emotionale Entwicklung. Es entwickelt sein eigenes Bezugssystem für Emotionen in sehr enger Verbindung mit seiner Mutter. Denn das Ungeborene schwingt über die physische Verbindung mit der Mutter in ihren Emotionen mit. Es spürt die Gelassenheit, die Ruhe, die Freude, den Stress,… der Mutter. Zusätzlich beginnt es erste eigene Reize der Basissinne (Hier erfährst du mehr über die Basissinne) zu verarbeiten. Diese Erfahrungen bilden ein Bezugssystem für den Kontakt mit sich und der Umwelt.
Die vorgeburtlichen Erfahrungen sind der Beginn von Bindung und Regulation
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Die erste Phase der emotionalen Entwicklung
Ein Baby braucht Nähe, Halt, Berührung. Es erlebt sich über den Körper, über den Kontakt mit seinen Bezugspersonen – die Körpergrenze ist noch verschwommen und es kann sich selbst noch nicht regulieren. Gefühle wie Hunger, Müdigkeit, Schmerz oder Reizüberflutung mit Stress sind da, aber können nur mit der Bezugsperson reguliert werden.
Was das Baby in den ersten Monaten braucht, ist die Regulation durch die Bezugsperson: Eine Person, die feinfühlig wahrnimmt, was das Kind braucht, die Sicherheit schenkt, die präsent ist.
Dies steht in der ersten Phase der emotionalen Entwicklung im Vordergrund und bildet die Basis für die folgenden Phasen.
Aber Achtung es gibt zwei sehr wesentliche Aspekte, die wir beachten dürfen:
- Die emotionale Entwicklung verläuft “losgelöst” von der körperlichen und kognitiven Entwicklung. Das bedeutet auch, dass die emotionale Entwicklung nicht aufgrund des Lebensalters, der motorischen Fähigkeiten, oder der Intelligenz bestimmt werden kann!
- Die Bedürfnisse des Kindes und die Aufgaben für die Bezugspersonen (siehe Übersicht) finden wir in der weiteren Entwicklungsbegleitung immer wieder!
Ein Beispiel hierfür: Du holst dein siebenjähriges Kind von der Schule ab. Ihr kommt zuhause an und dein Kind jammert, schimpft über das heiße Wetter, es geht umher, schaut in den Kühlschrank – da ist seiner Meinung nach nichts Richtiges zu finden,…
ACHTUNG: hier braucht es die Co-Regulation, das Innehalten, dein Gespür für die Grundbedürfnisse, die befriedigt werden dürfen, damit das Nervensystem wieder in einen entspannten Zustand kommen kann.
Emotionale Entwicklung ist kein linearer Weg– sondern eine Spirale
Kindliche Entwicklung verläuft nicht linear. Sie ist kein Weg, auf dem wir uns immer weiter vom Startpunkt entfernen. Sie ist eher eine Spirale, in dem sich Erfahrungen wiederholen und vertiefen.
Die frühkindliche Co-Regulation als Begleiter in der Entwicklung:
Wenn Kinder wachsen, selbständiger werden, neue Herausforderungen erleben – brauchen sie in emotional schwierigen Momenten erneut genau das, was sie am Anfang ihres Lebens erfahren haben:
– Gesehen/ wahrgenommen werden.
– Ernst genommen werden.
– Gehalten werden – im übertragenen oder im wörtlichen Sinn.
Ein Wutanfall mit drei, ein Rückzugsverhalten mit sieben oder eine Überforderung mit zehn: All das sind Ausdrucksformen emotionaler Not, die eine alte Antwort brauchen – eine, die schon ganz früh begonnen hat:
Ich bin da. Ich sehe dich. Wir schaffen das gemeinsam.
Unsere Aufgabe: Begleiten statt bewerten
Oft verwechseln wir kindliches Verhalten mit Absicht. Wir sehen Trotz, Wut, „unangemessenes Verhalten“ – und vergessen, dass Kinder nicht „funktionieren“, sondern fühlen und reagieren.
Gerade in emotional schwierigen Situationen dürfen wir uns an etwas erinnern, das wir eigentlich längst wissen:
Ein Kind, das außer sich ist, ist nicht: manipulativ, schwierig, frech.
Es ist: außer sich – und braucht Hilfe, wieder in sich zurückzufinden.
Unsere Aufgabe als Erwachsene ist nicht, die Gefühle zu „löschen“ und das Verhalten zu „korrigieren“. Unsere Aufgabe ist: Wahrnehmen und Begleiten in allen Gefühlslagen.
Wiederholung ist KEIN Rückschritt!
Wenn ein achtjähriges Kind scheinbar „regressiv“ reagiert, also kindlicher wirkt, als es seinem Alter entspricht (beispielsweise auf den Schoß sitzen möchte, sich hinter der Bezugsperson versteckt, jammert,…) ist das kein Rückfall – sondern schlicht ein Versuch sich selbst zu regulieren.Manche Kinder wollen wieder mehr Körperkontakt und suchen Nähe, obwohl sie sonst eher unabhängig sind.
Wieder andere brauchen plötzlich wieder mehr Halt – sowohl physisch als auch über Strukturen, Rituale, Grenzen – obwohl sie zuvor viel Selbstständigkeit gezeigt haben.
Die Kinder drücken aus:
„Ich brauche noch einmal das, was mir früher geholfen hat, mich sicher zu fühlen.“
Und wir? Wir sind nicht anders.
Wir Erwachsenen funktionieren im Grunde genauso.
Auch wir erleben Phasen, in denen wir emotional aus der Balance geraten.
Auch wir greifen dann auf unsere früh erlernten Strategien zurück – sei es Rückzug, Anspannung, Kontrolle oder Überanpassung. Was eben bisher für uns funktioniert hat- ob gut oder nicht, das sei mal dahingestellt.
Deshalb dürfen auch wir lernen uns wahrzunehmen und zu begleiten.
Nicht, weil wir perfekt sein müssen – sondern weil wir es Wert sind und es diese „Selbstbegleitung“ braucht, damit wir für unsere Kinder da sein können.
Entwicklung heißt: Immer wieder neu anfangen dürfen
Die erste Phase der emotionalen Entwicklung ist kein Punkt auf einer Zeitleiste.
Sie ist ein inneres Prinzip.
Ein Erinnerungsanker für das, was Kinder – und wir selbst – immer wieder brauchen:
– ein sicheres Gegenüber
– eine feinfühlige Reaktion
– Raum für Gefühle
– Halt – nicht Kontrolle
– Verbindung – nicht Bewertung
Fazit: Co-Regulation bleibt, die Art und Weise ändert sich
Das was unserem Kind in den ersten Lebensmonaten geholfen hat sich zu regulieren, wird ihm auch in Stresssituationen in seiner weiteren Entwicklung eine Hilfe sein.
Für uns Eltern und Pädagogen ist es wichtig zu wissen, dass die emotionale Entwicklung nicht an das Alter, die physische oder an die kognitive Entwicklung geknüpft ist und wir in der Begleitung von Kindern und Jugendlichen immer wieder gefragt sind die Kinder in der Regulation zu unterstützen. Die Art und Weise ändert sich!
Literatur
Sappok T., Zepperitz S. (2022) Das Alter der Gefühle, Hogrefe
Abetini M. (2024) Schnittstelle Sinne, Verlag modernes lernen
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Alles Gute und herzliche Grüße
Marieke