Wie die Basissinne das Verhalten und das Lernen von Kindern beeinflussen – und was wir im Unterricht konkret tun können.
Unsere Schüler*innen bringen unterschiedlichste Voraussetzungen in ihrer Wahrnehmungsverarbeitung mit. Lernen kann jedoch nur dann stattfinden, wenn es einen gelungenen Austausch zwischen Umwelt und Individuum gibt. Hierbei wird oft übersehen, welche entscheidende Rolle unsere Sinne bei diesem Austausch spielen. Denken wir diese in der Unterrichtsplanung mit, gelingt es uns das Verhalten unserer Schüler*innen besser zu verstehen und herausforderndes Verhalten zu verstehen.
Warum das Verstehen der Wahrnehmungsverarbeitung so wichtig ist
Unsere Sinne bilden die Schnittstelle zwischen dem Kind und seiner Umwelt. Vor allem die Basissinne – Tastsinn, Tiefensensibilität und Gleichgewichtssinn – sind elementar für die Entwicklung, die Körperwahrnehmung, die Wahrnehmung und Einordung der Umwelt sowie für die Eigenregulation.
Werden die Basissinne “unter”- oder überreizt, zeigen Kinder Verhaltensweisen, die oft als störend wahrgenommen werden.
Die Rolle der Basissinne im Schulalltag
Findet eine Über- oder Unterstimulation der Sinne statt, so werden die Schüler*innen versuchen, sich selbst zu regulieren. Dies zeigt sich in unterschiedlichsten Handlungen wie etwa das Wiegen und Schaukeln des Oberkörpers, heftiges Nicken, häufiges Aufstehen und Umhergehen im Raum, schlagen und treten gegen Gegenstände und Personen, grimassieren, sich auf den Boden werfen, sich selbst und andere kneifen und drücken… .
Ein Schüler, der beispielsweise durch Tastreize überstimuliert ist, wird extrem angespannt sein und stark abwehrend auf Berührung und Kontakt reagieren. Er wird versuchen die Reize durch erhöhte Körperspannung und Bewegung, eventuell durch das Ausziehen der Schuhe und Socken, Zehengang, sich kneifen, Wedeln mit den Armen, etc. zu kompensieren.
Wahrnehmungsregulation erkennen – was zeigt sich im Verhalten?
Beobachte wie sich die Kinder in den Pausen und im Unterricht bewegen. Suchen sie Nähe? Ziehen sie sich zurück? Rempeln sie andere an oder vermeiden sie Berührung? All das sind Hinweise auf ihre individuelle Reizverarbeitung. Diese Beobachtungen kannst du nun gezielt nutzen, um den Unterricht anzupassen!
Es gilt herauszufinden, welches Maß an Reizen unsere Schüler*innen brauchen.
Beobachtungsbögen, wie beispielsweise die aus meinem Buch „Schnittstele Sinne“ helfen dir die gemachten Beobachtungen zu kategorisieren
Umsetzung im Unterricht - die Basissinne in der Praxis
Greife die fogenden Ideen auf und berücksichtige die Basissinne in deinem Unterricht. So erhältst du Einblick in das für deine Schüler*innen relevante Reizspektrum und unterstützt gleichzeitig das Lernen.
Tastsinn
- Materialvielfalt: Biete eine Vielfalt an Materialien mit unterschiedlichen Texturen und Konsistenzen passend zu den Unterrichtsinhalten an. Bspw. Knete, Ton, Sand, Wasser, Stoffe (Seide, Wolle, Samt), Naturmaterialien in Fühlkisten (Steine, Eicheln…). Hierbei muss die Freiwilligkeit des Angebotes beachtet werden (Überempfindlichkeit des Tastsinnes).
- Tastboxen/Säckchen: Nutze Kisten mit unterrichtlich passenden Gegenständen, die ertastet werden dürfen.
- Massagekisten: Integriere diese, gefüllt mit verschiedenen Materialien (Bällen, Rollen, Tüchern…) in Pausen- und Freispielsituationen.
- Barfuß gehen: Ermögliche das Barfußgehen im Innen- und Außenbereich
Häufig beobachten wir im Schulalltag eine Überempfindlichkeit des Tastsinns. Da sich dieser über die Tiefensensibilität gut regulieren lässt empfiehlt es sich tiefensensible Reize anzubieten (s.u.).
Tiefensensibilität (Propriozeption)
- Aktive Positionen: gestalte Arbeitspositionen mit wenig Unterstützungsfläche
- Bewegungspausen/bewegtes Zuordnen: Integriere regelmäßig Bewegungspausen und bewegte Aufgaben in den Unterricht.
- Gewichtswesten und -manschetten: Das Tragen von Gewichtswesten und -manschetten (unter Aufsicht und Anleitung) kann die Körperwahrnehmung verbessern und damit auch die Konzentration fördern.
- Therapiebänder: Führe Übungen mit Therapiebändern durch. Diese stärken die Muskelkraft und die Körperwahrnehmung.
- Schieben und Ziehen: Biete Aufgaben an, die Kraft erfordern, wie beispielsweise das Schieben einer Schubkarre/Rasenmäher oder das Tragen von schweren Gegenständen.
Gleichgewichtssinn
- Schaukeln: Nutze Schaukelstühle, Hängematten oder eine einfache Schaukel.
- Rollbrett fahren: Zuordnungsaufgaben lassen sich prima mit dem Rollbrett erledigen. Wenn möglich wähle hierfür die Bauchlage. Das stärkt den Haltungshintergrund und das beidhändige Anschieben ist eine wertvolle Übung für das Zusammenspiel der Hirnhälften.
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Balanceaufgaben: Binde Balanceaufgaben, wie das Gehen über eine Bank, über „Flusssteine“ oder Säckchen in den Unterricht ein. Bewegungssequenzen in der das Gleichgewicht herausgefordert wird (mit geschlossenen Augen stehen, auf einem Bein stehen, in die Waage gehen) aber auch balancieren von Gegenständen (bspw. auf dem Kopf in aktiver oder passiver Bewegung) kannst du anbieten.
- Pezziball: Diesen kannst du zum Vor- und Zurückrollen in Bauchlage oder im Sitzen anbieten.
Fazit
Die Berücksichtigung der Basissinne ist kein Luxus, sondern eine grundlegende Voraussetzung für einen schülerorientierten Unterricht. Indem wir die Bedürfnisse unserer Schüler*innen nach sinnlicher Erfahrung einbeziehen, fördern wir eine positive Lernatmosphäre und steigern die Lernbereitschaft. Zusätzlich stärken wir die Basissinne und deren Regulation.
Literatur
Abetini, M. (2024). Schnittstelle Sinne – Individuelle sensomotorische Prozesse und Unterricht. Dortmund: Verlag modernes Lernen.
Ayres, A. J. (2016). Bausteine der kindlichen Entwicklung: Sensorische Integration verstehen und anwenden. Berlin Heidelberg: Springer.
Funke, U. (2024). Kinder im Autismus-Spektrum verstehen und unterstützen. Stuttgart: Kohlhammer.
Heimer, A. (2023). Euch nervt´s – für mich ist es sinnvoll. Dortmund: Verlag modernes Lernen.